
Wenn Frauen streiken, steht die Welt still
Einen Tag nach dem Internationalen Frauentag rufen feministische Bündnisse Frauen und solidarische Menschen dazu auf, ihre Arbeit niederzulegen und sichtbar zu machen, was sonst oft selbstverständlich erscheint. Der Frauen*streik knüpft bewusst an die politische Tradition des 8. März an und geht zugleich einen Schritt weiter. Während der Internationale Frauentag seit über 100 Jahren ein Kampftag für Gleichberechtigung ist, richtet sich der Frauen*streik gezielt gegen strukturelle Ungleichheiten im Alltag, im Erwerbsleben und in der unbezahlten Sorgearbeit.

Zum Frauen*streik am 9. März rufen verschiedene feministische Bündnisse auf, darunter das weltweit aktive Enough-Kollektiv sowie das bundesweite Töchter-Kollektiv. Enough ist nicht nur das englische Wort für „genug“, sondern steht für die Forderung nach einem Ende von Ausbeutung, Ungleichbehandlung und politischem Stillstand. Das Töchter-Kollektiv verweist mit seinem Namen auf generationenübergreifende Kämpfe: Töchter, die nicht akzeptieren wollen, dass sie mit denselben Ungleichheiten konfrontiert sind wie ihre Mütter und Großmütter.
Warum Streik?
Ein Frauenstreik ist kein Streik im klassischen arbeitsrechtlichen Sinne. Er versteht sich als politische Aktionsform und richtet sich nicht nur an Beschäftigte. Frauen* sind aufgerufen, an diesem Tag bezahlte wie unbezahlte Arbeit einzuschränken oder sichtbar zu machen – in Betrieben ebenso wie in Haushalten, Kitas und der Pflege. Da politische Streiks in Deutschland rechtlich nicht abgesichert sind, sprechen feministische Bündnisse bewusst vom Frauen*streik. Gemeint ist ein kollektiver Protest, der zeigt, wie umfassend und unverzichtbar die Arbeit von Frauen* für das Funktionieren der Gesellschaft ist.
Ursprung des Frauenstreiks
Als historischer Auslöser moderner Frauen*streiks gilt der Frauenstreik in Island im Jahr 1975. Rund 90 Prozent der Frauen legten an diesem Tag ihre Arbeit nieder, verzichteten auf Hausarbeit und Kinderbetreuung. Das öffentliche Leben kam weitgehend zum Erliegen. Der Streik machte eindrucksvoll sichtbar, wie unverzichtbar die Arbeit von Frauen ist, und gilt bis heute als Wendepunkt der Gleichstellungspolitik in Island.
Frauenstreiks haben eine lange internationale Geschichte. Bereits 1893 kam es in Österreich zu einem dokumentierten Frauenstreik von Arbeiterinnen. In der Schweiz kam es am 14. Juni 1991, 2019 und 2023 zu den größten öffentlichen Mobilisierungen, bei denen sich hunderttausende Frauen beteiligten. In den USA streikten Frauen 1970 landesweit für Gleichberechtigung, später folgten Massenmobilisierungen wie der Women’s March 2017. In Lateinamerika entstand ab 2015 mit „Ni Una Menos“ (Spanisch: „Nicht eine weniger“) eine starke feministische Bewegung gegen Gewalt an Frauen, die ebenfalls Streikformen nutzte, um politischen Druck aufzubauen.
Frauen*streik in Deutschland
In Deutschland ist der Frauenstreik eng mit der Geschichte des Internationalen Frauentags verbunden, der 1911 erstmals begangen wurde. Angestoßen von der Sozialistin Clara Zetkin stand er von Beginn an im Zeichen des Kampfes um das Frauenwahlrecht, bessere Arbeitsbedingungen und politische Teilhabe.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Berlin schon immer ein zentraler Ort sozialer Proteste war, an denen Frauen beteiligt waren. Beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 beteiligten sich zahlreiche Frauen in Ost-Berlin an Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen. Auch wenn es sich dabei nicht um einen feministischen Streik im heutigen Sinne handelte, wird deutlich, dass Frauen auch damals Teil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen um soziale Gerechtigkeit waren. In den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich in Berlin Frauenzentren und feministische Netzwerke, in denen Themen wie Hausarbeit, Pflege und Gleichberechtigung politisiert wurden. Diese Initiativen legten wichtige Grundlagen für heutige Streikbewegungen.
Nach der Wiedervereinigung kam es 1994 zu einem bundesweiten Frauenstreik-Tag, der sich gegen soziale Einschnitte und die Verschlechterung der Lebensbedingungen vieler Frauen richtete.
Warum jetzt?
Frauen verdienen weiterhin weniger als Männer (im Schnitt 16 Prozent), arbeiten häufiger in Teilzeit und sind überproportional von Armut betroffen. Unbezahlte Sorgearbeit liegt größtenteils bei ihnen. Pflege, Kinderbetreuung, Haushalt und emotionale Fürsorge werden gesellschaftlich erwartet, aber unzureichend abgesichert. Hinzu kommen geschlechtsspezifische Gewalt und politische Entwicklungen, die Gleichstellung infrage stellen und traditionelle Rollenbilder verfestigen.
Auch der VdK Berlin-Brandenburg sieht hier dringenden Handlungsbedarf. Die frauenpolitischen Forderungen des Landesverbands wurden im Sozialpolitischen Ausschuss erarbeitet, dessen Vorsitzende Hannelore Schmolling ist. Sie betont: „Rechtlich sind wir nach dem Grundgesetz zwar gleichgestellt – in der Realität ist diese Gleichstellung jedoch noch längst nicht erreicht.“ Die Folgen sind ein anhaltendes Gender Pay Gap (englisch: Lohnlücke zwischen den Geschlechtern) und geringere Rentenansprüche.
„Besonders betroffen sind Frauen mit Behinderungen. In Berlin und Brandenburg leben zehntausende Frauen mit Schwerbehinderung im erwerbsfähigen Alter. Ihre Erwerbsbiografien sind häufig von Ausbildungsabbrüchen, Teilzeit und geringeren Weiterbildungsmöglichkeiten geprägt“, so Schmolling. Der VdK Berlin-Brandenburg fordert daher für Frauen gezielte Förderprogramme, flexible Arbeitsmodelle und den Ausbau inklusiver Arbeits- und Ausbildungsplätze.
Der Frauen*streik greift diese strukturellen Probleme auf. Er macht sichtbar, was im Alltag oft unsichtbar bleibt und knüpft damit direkt an die sozialpolitischen Forderungen des VdK Berlin-Brandenburg an.
Geplante Aktionen
Bereits am 8. März, dem Internationalen Frauentag, gibt es bundesweit Demonstrationen und Kundgebungen, um Solidarität zu zeigen und feministische Forderungen auf die Straße zu tragen. In Berlin ist eine große Demonstration am Oranienplatz (11:30 Uhr) zum Roten Rathaus (circa 16 Uhr) angekündigt. Auch in Brandenburg sind Aktionen geplant, etwa in Potsdam und Cottbus.
Für den 9. März sind in Berlin Aktionen rund um das Brandenburger Tor geplant. Zwischen 12 und 18 Uhr sollen dort Kundgebungen, kreative Protestformen und Raum für Austausch stattfinden. Der Frauen*streik ist bewusst dezentral organisiert. Neben Berlin sind auch in Brandenburg Aktionen angekündigt, unter anderem in Potsdam, Eberswalde und Neuruppin. Ziel ist es, unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar zu machen und gemeinsam Druck für politische Veränderungen aufzubauen.
Solidarität
Auf die Straße zu gehen bedeutet, solidarisch zu sein – auch für diejenigen, die nicht teilnehmen können. Nicht jede Frau* kann streiken oder demonstrieren. Viele tragen eine doppelte oder dreifache Verantwortung, kümmern sich um pflegebedürftige Angehörige oder erziehen Kinder allein. Gerade sie sind auf politische Veränderungen angewiesen. Wer am 8. oder 9. März teilnimmt, tut dies auch stellvertretend für jene, die keine Möglichkeit haben, ihre Arbeit niederzulegen.
Wer sich an einer der Aktionen beteiligen möchte, sollte dies im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten tun, ohne die eigene Existenz zu gefährden – etwa nach Feierabend, mit einem Urlaubstag oder durch den Abbau von Überstunden. Ebenso wichtig ist es, über die Inhalte zu sprechen, Forderungen zu unterstützen und Solidarität zu zeigen. Denn soziale Verantwortung und Fürsorge dürfen kein Armutsrisiko sein – weder heute noch im Alter.
Weitere Informationen zu den Aktionen finden Sie auf den folgenden Webseiten:
Enough-Kollektiv: Externer Link:www.enoughgenug.org/de
Töchter-Kollektiv: Externer Link:www.toechterkollektiv.de
