
Verhalten verstehen, statt bewerten
Warum provozieren manche Kinder, warum entziehen sie sich Erwartungen? Beim Integrationstag der Kinder- und Jugendambulanz/Sozialpädiatrisches Zentrum (KJA/SPZkurz fürSozialpädiatrisches Zentrum) Spandau ging es um den Umgang mit herausforderndem Verhalten im Kita-Alltag.

Ende April lud die Kinder- und Jugendambulanz/SPZkurz fürSozialpädiatrisches Zentrum Spandau, in Trägerschaft des VdK Berlin-Brandenburg, ins Klubhaus Westerwaldstraße ein. Knapp 90 Fachkräfte für Teilhabe und Inklusion sprachen über Situationen aus dem Kita-Alltag, die vielen vertraut sind: Kinder, die sich scheinbar verweigern, Situationen sprengen oder sich zurückziehen.
Fallbeispiel „Emil“
Ausgangspunkt war das Fallbeispiel „Emil beim Morgenkreis“. Der vierjährige Emil nimmt nur schwer am Gruppengeschehen teil. Veränderungen stressen ihn, Geräusche überfordern ihn, Kontakt zu anderen Kindern gelingt oft über körperliche Impulse statt über Sprache. Im Morgenkreis bleibt er zunächst am Rand, summt, bewegt sich entlang der Wand, setzt sich kurz und zieht sich schließlich in die Bauecke zurück.
Solche Situationen sind kein Einzelfall. „Verhaltensprobleme führen in den Kitas zu großen Herausforderungen“, sagt Jeanette Tröstl, ärztliche Leiterin der KJA/SPZkurz fürSozialpädiatrisches Zentrum Spandau. „Und wir wissen, dass eine Diagnose allein das Problem nicht löst. Es geht darum, Lösungswege zu finden und die Fachkräfte wieder handlungsfähig zu machen.“

Genau hinsehen
Im World-Café-Format näherten sich die Teilnehmenden dem Fall aus verschiedenen Perspektiven. An vier Stationen ging es um Situationsanalyse, Hypothesen, Bedürfnisse des Kindes und die Rolle der Fachkräfte. Die Tafeln füllten sich schnell mit Beobachtungen, Fragen und Ansätzen.
Im Mittelpunkt stand dabei ein Perspektivwechsel: nicht vorschnell bewerten, sondern genau hinschauen. Was passiert eigentlich konkret? Wann entsteht Stress beim Kind? Welche Auslöser sind erkennbar? Der Austausch zeigte, wie unterschiedlich Situationen wahrgenommen werden und wie wertvoll es ist, diese Unterschiede sichtbar zu machen.
„Wenn man das Problem unter bestimmten Aspekten betrachtet und erst einmal beobachtet, was überhaupt passiert, entstehen andere Lösungen“, beschreibt Tröstl den Ansatz. „Und manchmal wird auch deutlich, dass man selbst Teil der Situation ist.“
Der gute Grund
Viele Beiträge kreisten um die Frage, welches Bedürfnis hinter Emils Verhalten stehen könnte. Genannt wurden Überreizung, das Bedürfnis nach Rückzug, Schwierigkeiten mit Veränderungen oder der Wunsch nach Kontrolle. Auch Strategien zur Selbstregulation wurden sichtbar: das Summen, das Bewegen entlang der Wand, das Spiel mit den Bauklötzen.
Diese Sichtweise griff auch der anschließende Fachvortrag auf. Ergotherapeutin und Dozentin Katja Andergassen machte deutlich, dass Verhalten immer eine Funktion erfüllt. Kinder reagieren auf ihre Umwelt, auf Anforderungen und auf ihr eigenes Stressniveau. „Wenn wir verstehen, wozu ein Kind ein bestimmtes Verhalten zeigt, haben wir den Schlüssel, um sinnvoll zu handeln“, lautete eine ihrer zentralen Botschaften.
Dabei gehe es nicht um schnelle Lösungen, sondern um ein systematisches Vorgehen: Beobachten, Beschreiben, Hypothesen entwickeln und daraus Handlungsmöglichkeiten ableiten.
Fachlicher Austausch
Der Integrationstag lebte vom offenen Austausch zwischen den Fachkräften. Erfahrungen aus unterschiedlichen Einrichtungen wurden zusammengetragen, Perspektiven ergänzt und Unsicherheiten geteilt. Die intensive Mitarbeit war deutlich spürbar. Karten wurden beschrieben, Gedanken weiterentwickelt und viele Diskussionen geführt.
Für viele Teilnehmende lag gerade darin der besondere Wert. Feride Bozkurt, Fachkraft für Teilhabe und Inklusion, beschreibt es so: „Es ist toll, die Menschen zu sehen, mit denen man sonst nur indirekt zu tun hat. Der fachliche Austausch in der großen Gruppe erweitert den eigenen Horizont.“
Dass Fachkräfte trägerübergreifend ins Gespräch kommen, sei keine Selbstverständlichkeit und genau deshalb so wichtig. Der Integrationstag zeigte, wie viel Potenzial darin liegt, Wissen zu teilen, Fragen gemeinsam zu erörtern und neue Blickwinkel zuzulassen.
Am Ende blieb kein fertiger Maßnahmenkatalog. Stattdessen nahmen die Teilnehmenden etwas mit, das im Alltag oft entscheidend ist: ein vertieftes Verständnis für kindliches Verhalten und Ansätze, um auch in herausfordernden Situationen handlungsfähig zu bleiben.



















