Kategorie Aktuelle Meldung Kinder und Jugendliche

Familien im Alltag entlasten – Versorgung sichern!

Von: Lea Schmidt / Lea Hanke

Familien mit versorgungsintensiven Kindern geraten im Alltag oft ans Limit der Belastbarkeit. Beim Fachgespräch des Fachbeirats Care Management am 9. März im Rathaus Berlin-Mitte wurde deutlich, dass es nicht an Erkenntnissen, sondern an deren konkreter Umsetzung fehlt. Zentrales Thema war das Kurzzeitwohnen als verlässliches Entlastungsangebot.

Lars Düsterhöft (SPD), Christian Zander (CDU), Regina Kittler (DIE LINKE), Reinald Purmann (Fachbeirat Care Management), Catrin Wahlen (DIE GRÜNEN), Dr. Angelika Albrecht-Haymann (Fachbeirat Care Management), Falko Liecke (Staatssekretär für Bildung und Jugend), Ellen Haußdörfer (Staatssekretärin für Gesundheit und Pflege), Dr. Ellis Huber (Fachbeirat Care Management).
V.l.n.r.:Lars Düsterhöft (SPD), Christian Zander (CDU), Regina Kittler (DIE LINKE), Reinald Purmann (Fachbeirat Care Management), Catrin Wahlen (DIE GRÜNEN), Dr. Angelika Albrecht-Haymann (Fachbeirat Care Management), Falko Liecke (Staatssekretär für Bildung und Jugend), Ellen Haußdörfer (Staatssekretärin für Gesundheit und Pflege), Dr. Ellis Huber (Fachbeirat Care Management). © VdK Berlin-Brandenburg

Eltern, Geschwister und andere Angehörige von versorgungsintensiven Kindern und Jugenlichen stehen im Alltag vor großen Herausforderungen. Sie versorgen die Heranwachsenden tagtäglich, arbeiten sich in seltene Krankheitsbilder ein, verbringen viel Zeit mit Arzt- und Klinikaufenthalten und kompensieren immer wieder Lücken im Versorgungssystem. Diese dauerhafte Mehrfachbelastung wirkt sich auf das gesamte Familienleben aus und gefährdet die Stabilität des Familiensystems.

Umso wichtiger sind wirksame Unterstützungs- und Entlastungsangebote, die Familien frühzeitig stärken, Überlastung vorbeugen und die gesellschaftliche Teilhabe der betroffenen Kinder und Jugendlichen sichern. Beim Fachgespräch zur Lage versorgungsintensiver Kinder des Externer Link:Fachbeirats Care Management Anfang März kamen Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung, Fachpraxis sowie Selbsthilfe und Elterninitiativen zusammen, um über dieses Thema zu diskutieren. Der Fachbeirat Care Management ist ein Gremium aus Elternvertretungen, Krankenkassen, Senatsverwaltungen, Wohlfahrts- und Sozialverbänden – darunter auch der VdK Berlin-Brandenburg – sowie Fachkräften aus der Praxis.

Hoher Bedarf

Bereits 2022 hatte der Fachbeirat Care Management in einer Externer Link:Empfehlung zum Kurzzeitwohnen auf eine zentrale Versorgungslücke hingewiesen: Der gesetzliche Anspruch auf Kurzzeitpflege kann in Berlin faktisch oft nicht eingelöst werden. Es fehlen geeignete Angebote und tragfähige Rahmenbedingungen. Die Berliner Regierungsparteien haben diesen Missstand erkannt und 2023 im Koalitionsvertrag aufgegriffen.

Doch beim Fachgespräch wurde erneut deutlich, wie groß der Handlungsdruck ist. Für viele Familien ist es ein kräftezehrender Prozess, ihre Ansprüche politisch geltend zu machen. Bettina Land, betroffene Mutter und Selbstvertreterin bei Eltern beraten Eltern von Kindern mit und ohne Behinderung e. V., beschreibt die Situation eindrücklich: Neben Pflege, Organisation und Bürokratie bleibe kaum Raum für Erholung oder gesellschaftliches Engagement. „Für Protest und öffentliche Meinungsäußerung fehlt oft die Kraft“, so ihr Fazit.

Kurzzeitwohnen

Ein zentraler Ansatz zur Entlastung ist das sogenannte Kurzzeitwohnen. Es geht über die klassische Kurzzeitpflege hinaus und verbindet pflegerische Versorgung mit pädagogischer Förderung und Teilhabeleistungen. Kinder und Jugendliche werden für begrenzte Zeit in einer geeigneten Einrichtung betreut. Dieses Angebot entlastet und stabilisiert Familien spürbar.

Kurzzeitwohnen kann helfen, dauerhafte stationäre Unterbringungen zu vermeiden und Eltern im Erwerbsleben zu halten. Gleichzeitig stärkt es die Selbstständigkeit und Teilhabe der jungen Menschen. Der Ansatz versteht sich ausdrücklich nicht als reine „Versorgung“, sondern als eigenständiges, qualifiziertes Förderangebot.1

Handeln

Rechtsanwältin Marianne Burkert-Eulitz machte in ihrem Vortrag deutlich, dass sich in den Sozialgesetzbüchern ausreichend Anknüpfungspunkte finden lassen, um entsprechende Angebote zu schaffen. Damit liegt die Verantwortung beim Land Berlin.

Catrin Wahlen (Bündnis 90/ Die Grünen) formulierte eine wesentliche Erkenntnis von Seiten der Politik: „Wir haben an diesem Punkt kein Erkenntnisproblem mehr, sondern wir müssen jetzt den Schritt in die Umsetzung machen.“ Johannes Hans Nee von becura e. V. wies anhand von Beispielen aus anderen Bundesländern darauf hin, dass tragfähige Modelle bereits existieren. So sind Einrichtungen des Kurzzeitwohnens für junge Menschen mit Behinderungen unter anderem in Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern etabliert.

Der Fachbeirat Care Management begrüßt die politischen Signale und spricht sich für konkrete nächste Schritte aus. Dazu zählen insbesondere die Entwicklung eines Pilotprojekts, eine verlässliche Anschubfinanzierung und der Abschluss einer ressortübergreifenden Rahmenvereinbarung. Ziel ist der Aufbau einer nachhaltigen und bedarfsgerechten Angebotsstruktur in Berlin. Der Fachbeirat bietet an, den weiteren Prozess fachlich zu begleiten und zu unterstützen.

[1] Langer, A., & Frei, F. (2016). Kurzzeitwohnen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung und deren Familien: Eine wissenschaftliche Evaluation im Neuen Kupferhof (Hände für Kinder – Kupferhof gGmbH, Hrsg.). Waxmann Verlag; Landschaftsverband Rheinland, 2014, Vorlage Sozialausschuss 14/824