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Wohnen muss bezahlbar und barrierefrei sein

Von: Lea Hanke

Wer kann auch morgen noch in Berlin bleiben? Diese Frage stellt das Berliner Sozialgipfelbündnis, an dem der VdK Berlin-Brandenburg beteiligt ist, in seinem Positionspapier zur Abgeordnetenhauswahl. Denn steigende Mieten und fehlender bezahlbarer Wohnraum entscheiden längst darüber, wer in Berlin leben, arbeiten, eine Familie gründen oder im Alter im vertrauten Kiez bleiben kann.

Auf dem Foto ist ein Herr im Rollstuhl in einer barrierefreien Küche
In Berlin fehlt es immer noch an barrierefreien Wohnungen. © AdobeStock / Andrey Popov

Rund 85 Prozent der Wohnungen in Berlin werden vermietet. Gleichzeitig wächst die Stadt und der Wohnungsmarkt bleibt angespannt. 2025 lag die mittlere Angebotsmiete bei 15,78 Euro pro Quadratmeter. Besonders hart trifft die Situation Menschen mit geringem Einkommen, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen.

Wer zusätzlich auf eine barrierefreie Wohnung angewiesen ist, hat es besonders schwer. Viele Berliner Wohnungen sind nur über Stufen erreichbar oder verfügen über zu schmale Türen und Bäder. Eine Wohnung, die heute noch geeignet erscheint, kann mit zunehmendem Alter oder nach einer Erkrankung plötzlich nicht mehr passen.

Sozialwohnungen fehlen

Besonders deutlich zeigt sich die Wohnungsnot beim sozialen Wohnungsbau. Berlin verfügte einmal über mehrere Hunderttausend Sozialwohnungen. 2002 waren es noch rund 430 000. Heute ist der Bestand drastisch geschrumpft. Der IBB-Wohnungsmarktbericht weist für 2024 rund 97 000 mietpreis- und/oder belegungsgebundene Wohnungen aus. Der Berliner Mieterverein bezifferte den Bestand an Sozialmietwohnungen 2025 auf rund 90 000.

Ein wesentlicher Grund dafür ist die zeitlich begrenzte Sozialbindung. Sozialwohnungen werden öffentlich gefördert, dafür gelten zunächst Mietpreis- und Belegungsbindungen. Laufen diese aus, können die Wohnungen frei vermietet werden.

In den 1990er- und 2000er-Jahren wurden große öffentliche beziehungsweise ehemals sozial gebundene Wohnungsbestände verkauft. Viele Wohnungen gelangten später in die Bestände großer privater Immobilienunternehmen. Erst seit 2014 fördert Berlin den sozialen Wohnungsneubau wieder gezielt.

Zwar wurden 2025 insgesamt 5 175 neue geförderte Wohnungen bewilligt. Doch gleichzeitig laufen weiterhin Sozialbindungen aus. Der Bestand wächst deshalb nicht ausreichend. „Wir brauchen nicht nur mehr Sozialwohnungen, sondern auch eine langfristige Sicherung des vorhandenen Bestands“, sagt Henrike Weber, Sozialpolitische Referentin des VdK Berlin-Brandenburg. Der Sozialverband ist Teil des Berliner Sozialgipfelbündnisses und bringt dort insbesondere die Perspektive älterer Menschen und Menschen mit Behinderungen ein. „Wohnraum, der mit öffentlichen Geldern gefördert wurde, darf nicht nach einigen Jahrzehnten wieder zum normalen Marktpreis angeboten werden. Bezahlbarer Wohnraum muss dauerhaft erhalten bleiben.“

Dauerhaft Bezahlbar

Das Sozialgipfelbündnis fordert deshalb neue Wohnungen, die dauerhaft bezahlbar bleiben. Sie sollen vor allem von landeseigenen Wohnungsunternehmen, Genossenschaften und anderen gemeinwohlorientierten Gesellschaften errichtet werden. Auch große private Wohnungsunternehmen nimmt das Bündnis in die Verantwortung. Sie sollen einen festen Anteil ihres Bestands für Haushalte mit Wohnberechtigungsschein (WBS) bereitstellen.

2024 besaßen in Berlin rund 51 000 Haushalte einen WBS. Von 2020 bis 2024 wurden jährlich rund 55 000 bis 75 000 Wohnberechtigungsscheine beantragt, ein erheblicher Teil der Anträge wurde abgelehnt. Besonders schwierig ist die Suche für Menschen, die neben einem niedrigen Einkommen weitere Hürden haben. Menschen mit Behinderungen benötigen passenden Wohnraum. Auch Menschen mit Migrationsgeschichte können etwa durch Diskriminierung aufgrund eines ausländisch klingenden Namens benachteiligt werden.

Wohnraum schützen

Mehr Neubau allein reicht aus Sicht des Sozialgipfelbündnisses nicht. Auch vorhandener Wohnraum müsse besser geschützt werden. Das Bündnis fordert deshalb eine deutliche Einschränkung möblierter Kurzzeitvermietungen und professionell betriebener Ferienwohnungen. Auch die landeseigenen Wohnungsunternehmen sollen sozialer ausgerichtet werden – bei der Vergabe an Menschen mit geringem Einkommen und bei der Begrenzung von Mieterhöhungen. Für Familien mit minderjährigen Kindern fordert das Bündnis außerdem einen sofortigen Räumungsschutz bei drohendem Wohnungsverlust wegen Mietschulden.

Auch die Richtwerte der AV-Wohnen (Ausführungsvorschriften Wohnen) sollen an die tatsächliche Situation auf dem Berliner Wohnungsmarkt angepasst werden. Sie legen fest, welche Kosten für Miete, Heizung und Unterkunft bei Menschen im Sozialleistungsbezug übernommen werden. Sind die Vorgaben zu niedrig, finden Betroffene häufig keine passende Wohnung oder geraten unter Druck, ihre bisherige aufgeben zu müssen.

Barrierefreiheit mitdenken

Barrierefreier Wohnraum darf nicht als Sonderlösung betrachtet werden. Berlin hat die gesetzlichen Anforderungen an barrierefreies Bauen verschärft. Bei bestimmten Neubauvorhaben müssen seit 2025 drei Viertel der Wohnungen barrierefrei erreichbar sein. In größeren Gebäuden muss außerdem ein Teil der Wohnungen rollstuhlgerecht errichtet werden.

Doch auch der vorhandene Wohnraum muss besser zugänglich werden. Das Sozialgipfelbündnis fordert deshalb ein öffentlich zugängliches Kataster für barrierefreie und rollstuhlgerechte Wohnungen der landeseigenen und genossenschaftlichen Wohnungsunternehmen. Außerdem soll die Rückbauverpflichtung für selbst geschaffene Barrierefreiheit abgeschafft werden. Wer eine Wohnung auf eigene Kosten anpasst, kann beim Auszug grundsätzlich zum Rückbau verpflichtet sein.

„Barrierefreiheit muss von Anfang an mitgedacht werden“, so Weber. „Wir brauchen Wohnungen, in denen Menschen auch im Alter oder nach einer Erkrankung selbstständig leben können. Und Menschen, die eine Wohnung barrierefrei angepasst haben, dürfen dadurch keine zusätzlichen Nachteile haben.“

Grundbedürfnis Wohnen

Im Berliner Sozialgipfelbündnis haben sich Gewerkschaften, Wohlfahrts- und Sozialverbände, darunter auch der VdK Berlin-Brandenburg, sowie der Berliner Mieterverein zusammengeschlossen. Im Vorfeld der Abgeordnetenhauswahl stand das Thema Wohnen im Mittelpunkt einer gemeinsamen Social-Media-Kampagne. Die Bündnispartner machten dabei auf fehlende Sozialwohnungen, Barrierefreiheit, Diskriminierung und steigende Mieten aufmerksam.

Am 10. September übergaben die Bündnispartner ihre gemeinsamen Forderungen an die Politik. Nach der Wahl, liegt der Ball bei der neuen Landesregierung.

„Wir haben im Bündnis unterschiedliche Perspektiven, aber eine gemeinsame Überzeugung: Wohnen ist ein Grundbedürfnis und darf nicht allein nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage organisiert werden“, sagt Weber. „Nach der Wahl muss jetzt gehandelt werden. Berlin braucht mehr bezahlbaren und barrierefreien Wohnraum – und zwar dauerhaft.“

Jetzt handeln

Auch der VdK Berlin-Brandenburg setzt sich seit Jahren politisch für bezahlbaren und barrierefreien Wohnraum ein. Der Sozialverband fordert mehr Sozialwohnungen, eine wirksame Begrenzung von Mietsteigerungen und eine Wohnungsbaupolitik, die bezahlbaren Wohnraum schafft. Für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen ist die Wohnung eine entscheidende Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Fehlt geeigneter und bezahlbarer Wohnraum, stößt gesellschaftliche Teilhabe schnell an Grenzen. Die neue Landesregierung hat deshalb eine große Aufgabe vor sich: Berlin braucht mehr Wohnungen – aber nicht irgendwelche. Sie müssen bezahlbar, barrierearm und dauerhaft gesichert sein.

Redaktioneller Hinweis: Der Artikel wurde vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September verfasst und nimmt daher noch keinen Bezug auf das Wahlergebnis.

Das Sozialgipfelbündnis übergibt den Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl seine Forderungen für eine sozial gerechte Wohnungspolitik.
Das Sozialgipfelbündnis übergibt den Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl seine Forderungen für eine sozial gerechte Wohnungspolitik. © S. Mittermeier